Kreatives "Schlafwachen"

Kennt ihr das?

Ihr grübelt tagelang über ein Problem und dann löst ihr es quasi im Schlaf.

 

Seit Längerem habe ich versucht, das aktuelle Kapitel des Fantasyromans, an dem ich arbeite, fertigzuschreiben. Aber irgendwie kam ich nicht vorwärts. Ewig hat es gehakt, obwohl mein Chara an sich alles richtig gemacht hat.

 

Ich kam mir selbst dabei vor wie die Figur in meinem Buch, auf der Suche nach Antworten, für die ich die Fragen nicht einmal kenne. Nur mit einem vagen Ziel vor Auge, ohne den Weg dorthin bereits vollständig vor mir zu sehen.

 

Ich dachte, wenn ich - Achtung Spoiler !!! - Andrûs im dritten Band der Flamme der Seelen-Trilogie zurück nach Jal'Dharbheira führe, könnte er dort die Wahrheit lüften. Und tatsächlich wäre es ihm möglich, bin ich überzeugt. Trotzdem fühlt es sich nicht passend an. Mehrmals hin und her probiert, umgeschrieben, Figuren ausgewechselt - alles hat nicht geholfen.

 

Schließlich habe ich den Laptop schlecht gelaunt, weil ich wieder einmal auf der Stelle trat, beiseite gelegt. Als ich später im Bett lag, überlegte ich: "Okay, ich stelle mir jetzt einfach bis zum Einschlafen Andrûs' Weg vor. Wohin geht er zuerst, wem begegnet er in welcher Reihenfolge, welche Fragen und Antworten sind damit verbunden usw. . Das hat immerhin schon  einige Male funktioniert. Warum also nicht jetzt?

 

PEs gibt für Schriftsteller drei wesentliche Bewusstseinsstadien (wahrscheinlich noch mehr und nicht ausschließlich für die Schreibenden unter uns, aber ich beschränke mich hier auf diese drei).

 

Im ersten Zustand träumen wir ohne Kontrolle, wissen nicht, was genau wir da tun. Auch aus dieser Phase bleiben uns manchmal Erinnerungen im Wachzustand erhalten.

 

Irgendwann "weckt" uns etwas. Doch wir sind noch nicht bereit, gänzlich aufzuwachen. Wir befinden uns nun im zweiten und vielleicht wichtigsten Zustand, jenem zwischen Schlafen und Wachen.

Wir denken in diesem Stadium bereits bewusst(er), nehmen das Außen um uns herum wahr, registrieren Geräusche und doch befinden wir uns noch nicht vollständig in jener Außenwelt.

In diesem Stadium schafft unser Geist außergewöhnliche Dinge, findet Lösungen, nach denen wir im Wachzustand lange vergeblich suchten. Uns fallen Wörter, Sätze und ganze Szenen ein, wir weben unsere Geschichten weiter, wo wir bei Tage feststeckten. Plötzlich ganz leicht. Denn wir denken eben nicht weiter darüber nach! Die Zensur ist ausgeschaltet!

 

Irgendwann erwachen wir vollständig und schon im ersten Moment droht das eben gesponnene Gold in Staub zu zerfallen. Das Problem: unsere Augen sind nun geöffnet.

Wir sehen, was uns umgibt, den Alltag und sofort beginnen wir an anderes zu denken. Was bringt uns der Tag? Was müssen wir unbedingt erledigen? Erwartungen, Sorgen usw. formen sich in unserem Kopf. Dagegen können wir gar nichts tun!

Wir müssen zur Arbeit oder lieber gesagt zum Brotjob - sofern uns nicht das Glück beschieden ist, von unserer Leidenschaft auch finanziell leben zu können - und zuvor noch dies und das organisieren. Ab ins Bad, Anziehen, Frühstück, in meinem Fall noch die hungrigen Stubentiger versorgen ...

Was wir während des "Schlafwachens" kreiert haben, schwindet rasch, falls wir es nicht festhalten. Und zwar nicht gleich, nicht später. Sofort!

Und selbst dann fällt es schwer, die Einzigartigkeit zu reproduzieren, werden uns bei der Wiedergabe hier und da Wörter und Sätze längst abhandengekommen sein. Erinnerungen voller Lücken.

 

Nicht alles, was uns im Dämmerzustand einfällt, ist genial. Nicht einmal gut. Aber manchmal sieht man danach klarer. Vielleicht auch erst auf den zweiten oder gar dritten Blick. Wir müssen eben genau hinschauen und zwar mit unserem inneren Auge, unserem Gefühl, der Stimme in uns.

 

Andrûs weilt nun an einem anderen, für seine Absichten besser gewählten, Platz. Und damit läuft die Geschichte endlich wieder rund.

Doch wer weiß, ob er nicht trotzdem noch einmal nach Jal'Dharbheira zurückkehrt? Es geht eben darum, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

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